Wie erneuerbare Energien die Reputation von Ländern verbessern

In der Privatwirtschaft gilt eine gute Reputation längst als Schlüssel zum Erfolg. Länder und Regierungen hinken beim Verständnis des reputativen Werts oft noch hinterher. Das ändert sich langsam. Ein guter Ruf wirkt auf praktisch jede Anspruchsgruppe eines Landes. Da ist die Innensicht: Mit einem positiv besetzten Land verbunden zu sein, gibt der Bevölkerung emotionalen Wert und Selbstwertgefühl. Und da ist die Aussensicht: Für die Exportwirtschaft samt Tourismus und für die Gewinnung ausländischer Direktinvestitionen steht viel Geld auf dem Spiel. Gerade in einer zunehmend transparenten und verflochtenen Welt können Regierungen kaum wegsehen, wenn ihr guter Ruf gefährdet ist – oder untätig bleiben, wenn er bereits leidet. Reputation ist, anders als die Selbstwahrnehmung, das Bild, das andere von einem haben. Zwischen dem wahrgenommenen Selbst und der Reputation können deshalb erhebliche Lücken klaffen. Russland, die USA und seit dem Brexit auch das Vereinigte Königreich erleben allesamt grosse Abstände zwischen ihrer sehr hohen Selbsteinschätzung und ihrem weniger glänzenden Ansehen im Ausland.
Was treibt also die Reputation einer Nation?
Das Reputation Institute hat in den vergangenen Jahren die Reputation der 55 grössten Wirtschaftsmächte in den G8-Staaten gemessen. Die Spitzenplätze belegten regelmässig die skandinavischen Länder, Kanada, die Schweiz, Australien und Neuseeland. Das Institut hat drei Faktoren ermittelt, die den Ruf einer Nation heben oder senken:
- Wahrnehmung des Umfelds: Offenheit der Bevölkerung, landschaftliche Schönheit, Lebensart und auch Umweltschutzmassnahmen
- Regierungshandeln: Sicherheit, Ethik, internationale Verantwortung, Sozial- und Wirtschaftspolitik
- Wirtschaft: Bildung und Verlässlichkeit der Erwerbstätigen, Beitrag zur Weltkultur sowie Qualität von Produkten und Dienstleistungen
Zusammen sorgen diese drei Faktoren für mehr Wertschätzung, mehr Vertrauen sowie bessere Gefühle und grössere Bewunderung gegenüber einem Land. Wer in der Spitzenliga der Nationen mitspielen will, muss alle drei berücksichtigen.
Was haben erneuerbare Energien damit zu tun?
„Australien belegt beim Klimaschutz den letzten Platz unter 57 Ländern“ (The Guardian), „Australiens Regierung stellt Kohleförderung weiter über den Klimaschutz“ (NZZ). Solche Schlagzeilen fördern den Ruf eines Landes gewiss nicht, und doch muss Australien sie immer wieder hinnehmen. Zu Recht, denn die australische Regierung fördert ihre Kohleindustrie weiterhin – Australien ist der weltgrösste Kohleexporteur, und Kohle ist der klimaschädlichste Energieträger überhaupt. Während sich andere Industriestaaten ehrgeizige Klimaziele setzen und auf erneuerbare, saubere Energie umstellen, hält Australien am alten Zustand fest. Derselbe Guardian-Artikel lobt dagegen Portugals Ehrgeiz auf dem Weg zu einer emissionsfreien Wirtschaft bis 2050. Für Australien hat das mehrere negative Folgen. Erstens erscheint das Land rückständig und rücksichtslos und verliert damit seinen tadellosen Ruf. Zweitens droht es, seine Verbündeten auf der Weltbühne zu verlieren, allen voran die USA, deren Regierung unter Biden entschlossen gegen den Klimawandel vorgehen will. Drittens verpasst es die Chance, sich ein Stück vom Kuchen der erneuerbaren Energien zu sichern. Und viertens stehen künftige australische Regierungen vor einem gewaltigen Problem: In dem Moment, in dem China keine australische Kohle mehr kauft, steht die gesamte Kohleindustrie des Landes mit rund 50’000 Beschäftigten auf dem Spiel.
Wer gewinnt durch erneuerbare Energien an Reputation?
„Solarenergie spiegelt Marokkos Energieambitionen“ (Financial Times). Das Königreich Marokko zeigt eindrücklich, wie es deutlich besser geht. Das Land hat verstanden, dass erneuerbare Energien, besonders Solarkraftwerke in der Sahara, seine Energiesicherheit erhöhen, weil sie die Abhängigkeit von Energieimporten senken – und dass sie sich künftig exportieren und vermarkten lassen. Positiver Nebeneffekt: Laut Climate Action Tracker sind Marokko und Gambia die einzigen Länder, die die Klimaziele des Pariser Abkommens erreichen werden. Das wiederum sorgt für viel Applaus auf internationaler Bühne und für zahllose positive Medienberichte, wie das Beispiel der Financial Times zeigt. Marokko hat die Zeichen der Zeit erkannt und weiss seine Karten auszuspielen: In Marrakesch fand 2016 die UN-Klimakonferenz COP22 statt, wo sich das Land einmal mehr als afrikanischer Vorreiter für eine grünere Welt zeigte. Marokko spielt seine Umweltkarte so gut, dass politische Unruhen um den Westsahara-Konflikt, ein starkes Bildungsgefälle zwischen Männern und Frauen und weitere innere Probleme aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit geraten.
Wer Marokko für eine Ausnahme hält, irrt. Zahlreiche andere Länder investieren in erneuerbare Energien – für ihre Zukunft und für ihren Ruf. Costa Rica, das kleine mittelamerikanische Land mit rund fünf Millionen Einwohnenden, sorgt seit Jahren mit seinen Klimaanstrengungen für Aufsehen: „Costa Rica bewegt sich schneller auf Klimaneutralität zu als jedes andere Land der Welt„, schrieb Vox. Das rückt das Land ins öffentliche Rampenlicht. Das Musterbeispiel schlechthin ist jedoch Norwegen. „Warum ist Norwegen bei erneuerbaren Energien allen anderen so weit voraus?„, fragt National Geographic. Tatsächlich ist Norwegens Treibhausgasbilanz im Inland hervorragend, dank nahezu 100 Prozent grünem Strom und einem vorbildlichen Elektrifizierungsmodell auf Strassen und selbst in der Schifffahrt. Warum das Land so weit gekommen ist, lässt sich leicht beantworten: Sein gesamter Wohlstand beruht auf dem Export seiner klimaschädlichen Öl- und Gasvorkommen. Norwegen zeigt damit, dass auch ein Exportland fossiler Energieträger als Vorreiter für eine klimafreundlichere Welt wahrgenommen werden kann, wenn es sichtbar in erneuerbare, saubere Energien investiert. Und Norwegen ist keineswegs der einzige Nettoexporteur fossiler Energie, der in seine grüne Zukunft und seinen grünen Ruf investiert. Saudi-Arabien hat jüngst ein Förderprogramm für erneuerbare Energien über 28 Milliarden Dollar aufgelegt, und die Vereinigten Arabischen Emirate beherbergen die Internationale Organisation für Erneuerbare Energien IRENA.
Angesichts dieser Befunde fällt der Rat an Australien leicht: Wer seinen guten Ruf bewahren will, tut gut daran, etwas mehr in erneuerbare Energien zu investieren und etwas weniger in Kohlesubventionen. Der Reputation zuliebe – und dem Klima.
Erfahren Sie mehr darüber, wie wir Sie, Ihr Unternehmen oder Ihr Land in Reputationsfragen unterstützen.